1.Ich bin der Herr dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten, dem Haus der Sklaverei, ins gelobte Land Palästina geführt hat. Ich, der Herr dein Gott, habe dich, mein Volk ohne Land, in das gelobte Land ohne Volk gesandt. Du sollst dir kein falsches Bildnis machen, weder von dem, was droben im Himmel ist – mit Ausnahme des Zionismus -, nicht von dem, was auf der Erde hienieden ist – mit Ausnahme von Wirtschaft und Sicherheit des israelischen Volkes -, noch was im Wasser unter der Erde ist - mit Ausnahme der Wasservorräte des Jordan im Lande Kanaan. Du sollst dich beugen und dem Zionismus, dem Militarismus und dem Nationalismus, d.h. der Apartheidhuldigen, denn der Herr dein Gott ist ein rächender Gott, der die Sünden der Voreltern verfolgt bis ins dritte und vierte Glied, bei denen die mich verachten. Doch denen, die mich lieben und meine neuen Gebote beachten, will ich fortwährende Liebe schenken bis ins tausendste Glied.
2.Du sollst den Namen des Herrn deines Gottes nicht verunehren, es sei denn, du besetztes das Land Palästina, denn der Herr wird keinen zu sich aufnehmen, der seinen Namen missbraucht hat. Jedoch einem Araber in deinem Land kannst du in meinem Namen alles antun, denn dieses Land gab ich euch auf ewig. Meine Schwingen begleiten dich in dem mit Steinen beworfenen Panzer, im Stress der Checkpoints und der langen Nächten in den einsamen Wachtürmen. Ein Soldat zu sein – und mehr noch ein Siedler – bedeutet Gottesdienst am Herrn.
3.Gedenke, dass du den Sabbat heiligest. An sechs Tagen sollst du arbeiten und all dein Werk tun. Es sei dir erlaubt, die Palästinenser zu unterjochen, zu foltern, eine Mauer bis zum Himmel zu bauen, ein Apartheid-System zu etablieren und Straßensperren oder Checkpoints einzurichten. Am siebten Tag aber ist der Ruhetag des Herrn; auch du sollst nichts arbeiten, du nicht, und nicht dein Sohn oder deine Tochter, nicht dein Sklave oder deine Sklavin und auch dein Vieh nicht. Nur die fremden palästinensischen Bürger in deinen Städten mögen arbeiten. Setz Deinen Stiefel in ihren Nacken.
4.Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es dir wohl ergehe im Land, das dir Gott der Herr einst verheißen hat. Palästinensische Väter und Mütter werden von diesem meinem Gebot nicht betroffen, denn sie sind auf ewig dein Feind. Kämpfe darum, dass sie heulen und wehklagen in ihren Gettos, ewigen Konzentrationslagern und ihrem schmalbrüstigen Territorium; dafür seiest du gesegnet. Lass sie meine Stärke fühlen, so wie euch einst der arische Teufel strafend schlug.
5.Du sollst nicht töten, außer palästinensische Kinder, Frauen, Freiheitskämpfer und störende Politiker. Drück ihre Jugend mit dem Rücken an die Wand, solange bis sie Steine werfen und Raketen schicken. Dann lass sie schnell verschwinden, selbst wenn deine Kinder daraufhin von blinden Selbstmordattentätern auf tragische Weise gemordet werden.
Weh dem Land, das so nach Martyrern lechzt! Wird ein arabischer Terrorist oder Kämpfer – oder sogar ein Baby in seinem Wagen – getötet, dann brauchst du keine individuelle moralische Schuld zu verspüren, denn du befolgst nur meine Gebote, so wie die Nazis SEINEN gefolgt sind. Niemand kann von dir verlangen, dass du weißt, was Nürnberg ist. Sei gesegnet und verbreite unter ihnen Angst, um siebei dir zu bannen.
6.Du sollst nicht ehebrechen, doch du darfst palästinensische Kinder zu Spionen, Verrätern und Kollaborateuren pressen. Wenn Du schon einem Palästinenser Arbeit geben musst, dann am besten einer ihrer Frauen, denn Arbeitslosigkeit und finanzielle Abhängigkeit von der eigenen Ehefrau untergräbt das Selbstbewusstsein und die arabische männliche Würde. Bau feste Knäste für die Widerspenstigen. Sei trickreich im Namen des Herrn deines Gottes.
7.Du sollst nicht stehlen, aber du kannst jederzeit arabisches Land auf der Westbank kaufen oder besetzen und dort in tausend Siedlungen siedeln. Stiehl den Arabern ihre Würde und ihren Willen eine Nation zu werden, und trage Sorge, dass nur ein Bantustan lebendig wird. Gibt ihnen nur miese Arbeit, damit du ihre Würde wirklich tief verletzt.
8.Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten, doch du darfst ihr Recht auf eine Nation verneinen, ebenso wie den völkerrechtlich illegalen Status der Besatzung und die geschichtliche Verwurzelung der Palästinenser in ihrem Land bestreiten. Falls jemand anderer Ansicht bezüglich deiner Weltanschauung oder Politik ist als du, beschimpfe ihn unverzüglich als „Antisemiten“ oder schlicht einen Nazi. Auch wenn es bloß ein friedliebender Jude oder Christ ist, benutz dies Totschlagargument ständig und mit großer Härte. Dafür segne ich dich, mein auserwähltes Volk.
9.Du sollst nicht begehren deines Nachbarn Haus und Land und seiner Bäume. Doch den alten Olivenbaum eines jeden Palästinensers magst du abholzen. Sobald er deine Sicht stört, ist dies dein gutes Recht. Ich werde mit dir sein, wenn du in Schulen einbrichst, Land besetzt, Blumen bombardierst und Häuser als Kollektivstrafe nieder walzt. Niedere Rassen können keine Nachbarn sein, sie leben nur nebenan. Bau für die Arabischen Teufel eine richtige Hölle. Und verkünde der Welt, sie lebten im Himmel.
10.Du sollst nicht begehren deines Nachbarn Weib, seines Sklaven oder seiner Sklavin, seines Ochsen, Esel oder alles was ihm gehört. Nur in Palästina darfst du all des begehren, denn es bist du, dem ich das Land versprach. Ich bin dein Gott und du mein Volk. Wir haben uns um gar nichts, auch nicht um Menschen- oder Völkerrecht zu scheren. Denn ich der Herr dein Gott bin mächtig und eifernd. Und du, du folge mir!
Es ist Zeit, die Deutschen aus dem Schuldturm zu entlassen
Der folgende Brief wurde von der israelischen Botschaft weitergeleitet an den Präsidenten des Staates Israel. Eine Antwort steht (noch) aus. Auch Frau Knobloch (Zentralrat der Juden) erhielt den Brief und die Antwort steht ebenfalls noch aus.
Offener Brief an Präsident Moshe Katsav, Israel zum 8. Mai 20
von Raimund Pousset
Heidelberg, 8.5.2006
Sehr verehrter Herr Präsident!
Heute vor 61 Jahren war der zweite Weltkrieg mit dem Endsieg und der Befreiung endlich zu Ende. Heute vor gut einem Jahr haben Sie, Herr Katsav, Berlin besucht und als Vertreter des jüdischen Volkes im Reichstag eine wichtige Rede gehalten. Heute vor 60 Jahren, 1946 im ersten Nachkriegsjahr, wurden Menschen persönlich schuldlos ins deutsche Volk hinein geboren. Die ersten Kinder der Tätergeneration hatten 1966 Kinder und diese 1986 wiederum welche „im dritten Glied“. Heute am 8. Mai 2006 werden die ersten Urenkel der Täter „im vierten Glied“ geboren. Persönlich unschuldig und nicht besser oder schlechter als die Urenkel der Opfergeneration. Das Schuldeingeständnis unserer großen christlichen Kirchen und die Geschichte berühren die Nachgeborenen nicht mehr aus dem Blickwinkel der persönlichen Schuld, sondern nur als Anlass für Empathie, Trauer, Verantwortung und Respekt. Nicht alle „Volksgenossen“ lassen sich leider allerdings berühren, doch diese Unberührbaren müssen wir ertragen, wenn auch demokratisch bekämpfen.
Noch immer leben Menschen, meist Juden, die dem Tod in den Vernichtungslagern der Nazis entgangen sind. Sie entgingen in einer unvergleichlichen Götterdämmerung von Zivilisation, Wissenschaft und Kultur halbtot dem Tod, den ihnen die deutschen Ururgroßväter, diese Gott hassenden Missetäter, in medizinischen Versuchsreihen und auf Todesmärschen zugedacht hatten. Noch immer haben die überlebenden Opfer grauenhafte Alpträume, einige hat der Versuch nach Deutschland zurückzukehren (wie Nelly Sachs) in die Psychiatrie getrieben. Für Verzeihen lässt das Grauen da keinen Raum. Oft leiden auch noch die Kinder und Kindeskinder der Opfer unter den Folgen der Shoa und sei es unter dem Schweigen der Väter wie etwa bei Gila Lustiger, genau wie die Kinder der Täter unter deren Schweigen leiden können (wie etwa Ute Scheub) - und müssen darüber Bücher schreiben.
Wir, d.h. alle, die mit empfinden, wollen uns an all das, was Juden und anderen Minderheiten angetan wurde, erinnern und die Spätfolgen wahrnehmen, auch gegen die Arroganz und die Attacken dumpfer Neo-Nazis, Hamas-Hetzer und irrender Islamisten. Diejenigen, die jüdische Leiden leugnen oder karikieren, wollen Juden zum zweiten Mal demütigen. Heute glänzt gegen das Vergessen, Verdrängen, Verfälschen und Verleugnen am Brandenburger Tor ein wogendes Feld von schwarzen Brandungsbrechern. Und das ist gut so. Eine Zementierung der Schandtat, umstrittener Ort der Schande, des Erinnerns und des Gedenkens.
Viele von den jüdischen Opfern haben dem deutschen Volk individuell, in Interviews, Reden oder als Schriftsteller vergeben. Manche Juden - auch der Nachgeneration - leben mit und versöhnt mitten unter uns. Die jüngst hoch betagt und hoch verehrt in Heidelberg verstorbene Hilde Domin hat ihren Fuß in Deutschland wieder in die Luft gesetzt – und sie trug! Einige haben sogar Kinder mit Deutschen. Dafür sind wir dankbar, freuen uns, wir, die wir persönlich und auch kollektiv nicht schuldig wurden, aber trotzdem die Last der historisch-moralischen Verantwortung tragen und tragen wollen. Die späte Geburt ist uns selbstverständlicher Auftrag, nicht Gnade.
Wir haben oft gegen den stummen Widerstand der Väter-Täter das Grässliche - mit Rückgrat - vor der Verdrängung bewahrt, haben zu Terror und Leid nicht geschwiegen und wo es denn ging, mit gelitten. Wir haben die Verzögerung der Kriegsverbrecherprozesse verurteilt und gegen die stille Kumpanei vieler Väter demonstriert. Wir dachten un-preußisch pazifistisch, ein Freund war Jude, wir reisten als Zivis oder zum Orangenpflücken in den Kibbuz und es flossen finanzielle Wiedergutmachung (Schilumim) und Waren- und Waffenlieferungen von Israels größtem Handelpartner. Manchmal waren wir so verbohrt im Protest, dass wir den stillen Widerstand unserer Eltern zur Nazi-Zeit abschätzig mit Nichtbeachtung straften. Ein später Platz in Yad Vaschem war uns nicht gut genug. Wir wollten Heroen in Plötzensee und keine Stillen im Lande. Wir wollten stolz sein. Erst „Schindlers Liste“ hat das auch für viele andere korrigiert. Die Messlatte an uns war und ist noch nicht gelegt.
Wo immer wir als nachgeborene Deutsche auf dieser Welt gingen und gehen: wir wurden und werden immer wieder von der Geschichte heimgesucht. Manchmal eindimensional plump und anmaßend, ein anderes Mal subtil. So, wenn der Vorsitzende des polnischen Unabhängigen Ethikrates, Boguslaw Wolniewicz, im April 2006 den deutschen Papst attackiert, der dem fundamentalistisch-katholischen Sender „Radio Maryja“ seine antisemitischen Tiraden untersagen möchte. Wolniewicz meint in heiliger Einfalt uns alle: „Das Dritte Reich hat den Deutschen das moralische Rückgrat genommen, und das ist ihnen bis heute nicht gewachsen!“
Manchmal treffen dich persönlich auch die Schande und die Geschichte mitten ins Herz, so, wenn dir in Auschwitz weinende Polen begegnen, die Blumen an rostigen Kreuzen niederlegen. Auch wenn Dich auf dem Touristen-Fischerboot in der Adria ein Mann den ganzen Tag unverwandt anstarrt, um dir abends dann endlich zu erklären, er sei Tscheche, habe in Dachau gesessen und wolle sich erstmals wieder einem Deutschen nähern, wolle spüren, ob die neue Generation anders sei. Oder wenn Du mit einem New Yorker Juden, der als 11-Jähriger mit seiner kleinen Schwester an der Hand zu Fuß und allein von Berlin nach Holland floh, im Herbst durch Schöneberg an seiner ehemaligen Schule vorbei spazieren gehst, er plötzlich stehen bleibt und leise sinnt: „So hat das Laub auf meinem Schulweg immer unter meinen Füßen geraschelt!“ Dann kann dich das schon durchschütteln.
Als wir schwer aufgeladene Substantive wie Führer, Flamme oder Jude wieder unbefangen aussprechen konnten, statt mit seltsamen Verdrehungen wie Israelit, Hebräer oder jüdischer Mitbürger die Sprachlosigkeit zu übertünchen, kam so etwas wie Normalität in unser Denken und Fühlen. Wo Schuldgefühl herrschte, konnte Mitgefühl wachsen. Trotzdem tragen unsere KfZ-Kennzeichen keine Seriennummern wie KZ, SS oder SA. Aber nicht, weil wir uns nicht erinnern wollen, sondern weil wir den möglichen Missbrauch verhindern wollen. So wurde viel Entscheidendes wieder normal, wirtschaftliche, militärische und wissenschaftliche Kooperation, Jugendaustausch und Tourismus, wenn auch nicht „Alles auf Zucker“ ist. Wer auf Goethe stolz sein will, darf Goebbels nicht negieren. Schande und Stolz sitzen auf einem Holz. Der katholische Publizist und Herausgeber des „Rheinischen Merkur“ Joseph Görres (1776 – 1848) sagt dazu: „Das Volk, welches seine Vergangenheit von sich wirft, entblößt seine feinsten Lebensnerven allen Stürmen der wetterwendischen Zukunft.“ Heinrich Heine ist 2006 endlich in Deutschland angekommen. Er wurde „liebevoll aufgenommen“, sagt jedenfalls Marcel Reich-Ranicki.
Die Schandtat Auschwitz kann niemals normal werden, Auschwitz bleibt monströs, aber der Umgang mit der Schande kann auch für Deutsche normal sein. Wir werden es auch als normal erleben, dass Deutsche aus politischen Gründen Partei für die Sache der Palästinenser ergreifen. Wir müssen allerdings Antisemitismus, der das Existenzrecht Israels in Frage stellt, nicht als normal akzeptieren, weil er Rassismus ist. Und der stellt den göttlichen Funken und das Humanum in jedem von uns in Frage.
Das stete Gedenken an die größte Katastrophe der menschlichen Geschichte darf und kann nicht von Versöhnung weichgespült werden. Nur wer sich ehrlich erinnert, darf nach vorne schauen, dass es nie wieder werde. In dem, was wir Erinnerungskultur nennen, haben Juden und Deutsche, auch deutsche Juden, noch immer nicht die gemeinsame Sprache gefunden. Die Diskussion taumelt oft genug zwischen der Antisemitismus- und der Auschwitz-Keule hin und her.
In der Sprache der Bibel, die Christen und Juden so verbindet, heißt es zu unserer Heimsuchung im Dekalog: „Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen!“ Nun sind wir im vierten Glied angekommen und haben dass Versprechen auf Wohltat bis ins tausendste Glied nicht. Doch was kommt nach dem vierten Glied? Können da vielleicht die Wohltat der Vergebung der Nazi-Verbrechen und die Versöhnung kommen?
Der kürzlich verstorbene Johannes Rau hat am 16.1.2000 als Bundespräsident bei seinem Staatsbesuch in Israel in der Knesset die Juden in der Sprache der Mörder offiziell um Vergebung gebeten. Sie, Herr Katsav, mochten als israelische Präsident die deutsche Bitte um Vergebung bei Ihrem Gegenbesuch im Berliner Reichstag am 31.5.2005 offiziell nicht erhören und sagten: „Das Trauma der Shoa wird das jüdische Volk bis in alle Ewigkeit begleiten. Für die Shoa kann es weder Vergeben noch Verzeihen geben.“ Nach Ihrer feierlichen Aussage, die Sie auch im Namen aller zukünftigen jüdischen Generationen gemacht haben, wäre jede deutsche Bitte um Vergebung und Hoffnung auf Versöhnung sinnlos. Jom Kippur, das höchste jüdische Fest und nach dem Talmud (Joma VIII, 9) das Versöhnungsfest auch mit dem Nächsten, nachdem dieser die geschädigte Person um Verzeihung gebeten hat, bliebe für Deutsche auch im tausendsten Glied nur eine Fata Morgana. Wir würden ewig im Schuld(gefühl)turm gefangen bleiben! Diesem Gedanken versperren sich bei vielen Herz und Hirn, Herr Präsident.
Auch der hie und da zu lesende Hinweis, hier handele es sich um einen Übersetzungsfehler, hilft solange nicht weiter, als dass Sie selbst dazu Stellung nehmen. Selbst wenn denn die Juden selbst gemeint sein sollten, für die es in ihrer Erinnerung kein Vergeben und Verzeihen für ihr erlittenes Leid und das eigene Überleben geben könne – eine arg strapazierte Interpretation gegen den Kontext der Rede -, bliebe doch die Frage offen, wann und wie sich der Präsident des israelischen Staates den Akt der Aussöhnung mit dem deutschen Volk in Zukunft vorstellt. Oder sei dies auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben, bis „uns“ das Rückgrat nachgewachsen ist?
Warum kann es jetzt keine offizielle Versöhnung geben? Auch die Frage nach dem Qui bono, wem das denn nützt, stellt sich?! Diese Frage offen stellen und darauf auch eine Antwort suchen zu können, verweist auf das stabile Normal-Verhältnis zwischen Deutschland und Israel, das nicht immer im Walser-Tanz enden muss. Noch in den letzten Tagen der Bonner Republik hätte meine Fragestellung wohl keine seriöse Zeitung gedruckt. Wenn wir diese Frage aber dem rechten Rand überlassen, werden die Antworten auch so sein, wie sie sind: springerstiefel- und stammtischgerechter Antisemitismus für verunsicherte Stimm(ung)en.
Wenn Ihnen und Israel offiziell kein Verzeihen für die persönlich schuldigen Täter und Mitläufer in der Nazizeit – zwölf Jahren deutscher Geschichte! - möglich ist, warum dann nicht für die Nachgeborenen nunmehr im vierten Glied, die heute nach 61 Jahren wesentlich das deutsche Volk mit seiner tausendjährigen Geschichte repräsentieren? Zum deutschen Volk zählen auch Millionen zugewanderter Deutsche aus aller Herren Länder, häufig muslimischen Glaubens, aber auch Kinder und Kindeskinder von ebenfalls ermordeten und gepeinigten Widerstandskämpfern. Und es kamen viele Juden aus dem Osten dazu, die sicher darauf vertrauen (können), dass in ihren weinroten Pass nie wieder ein „J“ gestempelt werden wird. Fehlt denen pauschal allen das Rückgrat?
Soll die Einmaligkeit der Tat, die Größe des Traumas und die Schwere der Schuld wirklich zum Maßstab für die Vergebung gemacht werden? Oder wären nicht doch das umfassende Schuldanerkenntnis, die Wiedergutmachung und die demokratische Wandlung, also deutsche Reue und Sühne anzuerkennen, der bessere Weg vor Gott und den Menschen?
Wenn diesem deutschen Volk als ganzem bis in alle Ewigkeit – quasi als kategorischer Imperativ - offiziell nicht vergeben werden darf, muss wohl eine blutsmäßige Erb-Schuld vorliegen: Deutsche als genuine Antisemiten, potenzielle Massenmörder und willige Vollstrecker, denen ewig nicht zu trauen ist.
Wenn man nicht vergeben will, müsste ein zweckrationaler Grund vorliegen, z.B. die Absicht der Instrumentalisierung der Schande oder die Einschätzung, Reue und Sühne der Deutschen seien nicht hoch genug gewesen.
Wenn man nicht vergeben kann, müsste das in der Psyche der Überlebenden liegen. Wobei nachvollziehbar ist, wenn ein Individuum den Schritt zur Versöhnung nicht zu tun vermag, weil das Leid zu nah und der Schmerz noch zu groß ist.
Wenn man nicht verzeihen soll, dann müsste das in der Religion und/oder der Ideologie begründet liegen. Aber welcher rächende Gott oder welcher gnadenlose Philosoph verlangt von Völkern eine Existenz in der Unversöhnlichkeit auf ewig?
Vielleicht kommt bei Ihnen und vielen Meinungsführern Israels auch alles zusammen: man darf, will, kann und soll diesen großen Schritt „in die Luft“ niemals tun. Wenn es so denn so wäre und kein Prinzip Hoffnung Kraft walten ließe, dann wäre es sicher gut, wenn das ewige Nein ausführlich begründet würde. Dann müssten wir Deutsche uns damit und darauf einrichten, auch wenn nur wenige dafür auf Dauer Verständnis aufbringen dürften. Der Freundschaft mit Israel wird diese trostlose Perspektive besonders in schwieriger Zeit, wo rassistische und hasserfüllter Kinder A-Bomben zu basteln beginnen, vermutlich auch nichts nützen.
Es gibt viele Beispiele für Versöhnung zwischen den Völkern, oft im kirchlichen Bereich. So war der erstmalige Besuch des russischen Patriarchen Alexius II. von Moskau im November 1995 in Berlin gekennzeichnet von dem festen Willen zur Versöhnung mit dem deutschen Volk. Welche gewaltige Kraft Versöhnung hat, können wir auch in Südafrika, im Lande Nelson Mandelas, erleben. Man kann es sogar hören, das große Herz Afrikas: Die Schwarzen sprechen, wenn sie ihre dreistrophige Nationalhymne „Nkosi sikelel´i Afrika“ (Gott schütze Afrika) singen, im zweiten Teil fast selbstverständlich und symbolhaft die Sprache ihrer burischen Unterdrücker und Mörder. Dazu hat es der Wahrheits- und Versöhnungskommissionen bedurft und eines gesellschaftlichen Prozesses, der noch nicht am Ende ist. Eine Sängerin des berühmten Imilonji-Chors, die 1976 einen Sohn unter den über 600 toten Soweto-Schülern zu beklagen hatte, sagt 2005 bei einem Workshop mit deutschen Sängern: „Ich habe den Weißen vergeben - aber nichts vergessen! Wie könnte ich nicht vergeben, wenn Gott, der Herr, uns Menschen vergeben habt, die seinen Sohn getötet haben?“
Heute, 61 Jahre nach Kriegsende, nicht letztes Jahr zum runden Gedenktag, lässt sich ein Wunsch formulieren: Wir – so meine ich - brauchten im Aussöhnungsprozess mit den Juden das kollektive Erhören von Raus Bitte mit starken Symbolen. Im Namen des vierten und fünften Gliedes wünschen mindestens sehr viele Deutsche die Erhörung der deutschen Bitte um Vergebung, damit tätige Versöhnung sei: offiziell durch die israelische Knesset und in Abstimmung mit dem jüdischen Weltkongress. Auch wäre damit endlich jedem Vorwurf und Anschein der Instrumentalisierung von Auschwitz oder einer von Schuldgefühl erpressten Freundschaft der Nährboden entzogen.
Vielleicht wäre eine Versöhnungswoche ein starkes Symbol und ein würdiger Akt, beginnend an einem Sonntag in Berlin, über zentrale Plätze der Shoa laufend und mit dem Höhepunkt an einem Sabbat (Jom Kippur) in Jerusalem. Auch ein vom Zentralrat der Juden initiierter Akt, z.B. ein Versöhnungsmarsch durch Deutschland, wäre viel, sehr viel, vielleicht der erste Schritt vor dem zweiten. Welcher Hohepriester treibt an Jom Kippur den Sündenbock zu Asasel in die Wüste (Levitikus 16:8-10), was nach alter jüdischer Überlieferung doch die "gänzliche Entfernung der Schuld“ bedeutet? Wäre es nicht auch bedeutungsschwer, wenn der Akt der Versöhnung noch mit den letzten lebenden Opfern stattfinden könnte?
Der 1912 (als Alfred Gutsmuth) in Gießen geborene und dort promovierte Israeli Dr. Abraham Bar Menachem, Ex-Oberbürgermeister von Netanya, sagt als 93-Jähriger bewegend schlicht und deutlich anders als Sie, Herr Präsident: „Für mich besteht kein Widerspruch zwischen stetem Gedenken an die Vernichtung von sechs Millionen Juden durch Deutsche und der Versöhnung mit dem deutschen Volk“. Er hat Recht, der weise alte Mann; hoffen wir auf ihn und seinesgleichen. Hoffen wir auch auf die Nachgeborenen, die uns nicht mit der Antisemitismus-Keule sofort Schlussstrichmentalität oder geistiges Brandstiftertum unterstellen.
Sie, Herr Präsident, als höchster Repräsentant Israel und aller Juden dieser Welt – besonders der deutschen - sollten trotz Ihrer Absage Raus Bitte erhören und uns zu einem geschichtsmächtigen Termin und in absehbarer Zeit eine zweite Chance geben. Darum bitte ich. Ich meine, die Zeit ist reif das deutsche Volk mit Rückgrat aus dem Schuldturm zu entlassen und ein neues, besseres Kapitel aufzuschlagen.